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Bevölkerungsentwicklung verstehen – Worum geht es in der Demografie

Zum Beispiel Schweden
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Bevölkerungsdynamik: Die Grundgleichung

Warum Bevölkerungen wachsen oder schrumpfen

Warum wächst eine Stadt, während eine andere schrumpft? Hinter all diesen Phänomenen steckt eine vergleichsweise simple mathematische Logik. Für Planer und Studenten ist sie der unverzichtbare Ausgangspunkt jeder demografischen Analyse.

Die Größe einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt ergibt sich aus der Bevölkerung des Vorjahres, zuzüglich der Geburten und Einwanderungen, abzüglich der Todesfälle und Auswanderungen.

Die Gleichung zerfällt in zwei grundlegende Komponenten: Das natürliche Bevölkerungswachstum ergibt sich aus der Differenz von Geburten und Todesfällen. Die Nettomigration ist die Differenz aus Zu- und Abwanderung – gerade für Regionen innerhalb eines Landes oft der entscheidendere Faktor.

Eine besonders eingängige Anwendung ist die Verdopplungszeit. Als schnelle Faustregel gilt die 70er-Regel: Die Verdopplungszeit in Jahren ergibt sich näherungsweise aus 70 dividiert durch die jährliche Wachstumsrate in Prozent. Bei 3,5 % beträgt sie rund 20 Jahre.

Die Grundformel

P(t) = P(t-1)

+ (B − D)

+ (I − E)

P Bevölkerung
B Geburten
D Todesfälle
I Einwanderungen
E Auswanderungen
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Mortalität

Sterblichkeitsmessung und ihre Werkzeuge

Der einfachste Einstieg ist die Rohe Sterberate (CDR) – Verstorbene je 1.000 Personen der Durchschnittsbevölkerung. Sie ignoriert jedoch die Altersstruktur vollständig. Schweden weist eine höhere CDR auf als viele Länder Asiens, nicht weil das Sterberisiko dort größer wäre, sondern weil der Anteil älterer Menschen höher ist.

Wer Sterblichkeitsraten vergleichen will, braucht die altersspezifische Sterberate (ASDR), die die Todesfälle einer Altersklasse auf die entsprechende Teilbevölkerung bezieht.

Ein Sonderfall ist die Säuglingssterblichkeit (IMR) – einer der aussagekräftigsten Indikatoren gesellschaftlicher Entwicklung. Methodische Sorgfalt ist geboten: Je nach Analysetyp können Ergebnisse um bis zu 50 % voneinander abweichen.

Die Sterbetafel

Das methodische Herzstück der Mortalitätsanalyse. Aus wenigen Eingangsdaten lassen sich Sterberisiko, Lebenserwartung und Überlebenswahrscheinlichkeit ableiten.

Periodensterbetafel (PST)

Querschnittsanalyse eines Jahres. Fiktive Kohorte von 100.000 Personen. Basis der bekannten Lebenserwartungswerte.

Kohortensterbetafel (KST)

Verfolgt eine reale Geburtskohorte über ihr gesamtes Leben. Liefert tatsächliche, keine fiktiven Werte.

Historischer Befund: In Schweden starb Ende des 19. Jh. die Hälfte aller Männer vor dem 62. Lebensjahr – heute liegt diese Grenze bei über 83 Jahren.
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Fertilität: Mehr als nur die Geburtenrate

Von der TFR bis zur Reproduktionsrate

Ob Kitas gebaut oder geschlossen werden, ob Rentenkassen finanzierbar bleiben – all das hängt unmittelbar von der Fertilität ab.

Der bekannteste Indikator ist die Totale Fertilitätsrate (TFR): wie viele Kinder eine fiktive Frau gebären würde, wenn sie in jedem Altersjahr so gebärfreudig wäre wie der Jahresdurchschnitt. Die TFR ist ein Periodenmaß – schnell verfügbar, aber anfällig für den Tempoeffekt. Verschieben Frauen Geburten auf später, sinkt die TFR, ohne dass sich die endgültige Kinderzahl verändert.

Als Faustregel gilt: Eine TFR von rund 2,1 ist für Industrieländer das Reproduktionsniveau. Das Generationenintervall – das Durchschnittsalter der Mütter bei der Erstgeburt – beeinflusst die Bevölkerungsdynamik erheblich, selbst wenn die Gesamtkinderzahl stabil bleibt.

TFR – Totale Fertilitätsrate

2,1

Reproduktionsniveau in Industrieländern

Wichtige Kennzahlen

CBR – Rohe Geburtenziffer
ASFR – Altersspezifische Fertilitätsrate
CFR – Kohortenfertilität (endgültige Kinderzahl)
NRR – Nettoreproduktionsrate
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Migration: Der unterschätzte Motor der Bevölkerungsentwicklung

Der vierte große Parameter der Bevölkerungsdynamik

Kaum ein demografisches Thema wird in der öffentlichen Debatte so intensiv diskutiert und gleichzeitig so häufig missverstanden wie die Migration. Für Planer und Studenten ist es deshalb besonders wichtig, hinter die politische Aufladung des Themas zu schauen und Migration als das zu begreifen, was sie demografisch ist: der vierte große Parameter der Bevölkerungsdynamik – neben Geburten, Todesfällen und Altersstruktur.

Der Begriff bezeichnet alle dauerhaften oder längerfristigen Verlagerungen des Lebensmittelpunktes einer Person, bei denen administrative Grenzen überschritten werden. Damit unterscheidet sich Migration klar von touristischen Bewegungen, vom Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort oder von der vorübergehenden Abwesenheit von Soldaten, Seeleuten oder Strafgefangenen – Gruppen, denen unterstellt wird, ihren eigentlichen Lebensmittelpunkt beizubehalten. Diese Abgrenzung klingt technisch, hat aber erhebliche praktische Konsequenzen: Wer eine Bevölkerung planen will, muss wissen, wen er überhaupt zählt.

Grundsätzlich unterscheidet die Demografie zwischen Binnenmigration, also Wanderungsbewegungen innerhalb eines Landes über kommunale Grenzen hinweg, und internationaler Migration, bei der mindestens eine Staatsgrenze überschritten wird. Je nach Richtung spricht man von Immigration (Zuzug) oder Emigration (Fortzug). Die Motive sind dabei denkbar vielfältig: Sie reichen von der klassischen Arbeitsmigration und dem Wunsch nach besseren Wohnbedingungen über Bildungsmigration bis hin zu Flucht vor Krieg, politischer Verfolgung oder ökologischen Katastrophen.

Push-Faktoren

Push-Faktoren

Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Perspektivlosigkeit, Krieg, Verfolgung

Pull-Faktoren

Pull-Faktoren

Berufschancen, Lebensqualität, soziale Netzwerke, politische Stabilität

Wie misst man Migration?

Das grundlegendste Maß ist das Wanderungssaldo, also die Differenz aus Einwanderungen (I) und Auswanderungen (E) in einem Jahr. Ist es positiv, liegt ein Einwanderungsüberschuss vor, ist es negativ, ein Einwanderungsdefizit. Für den Vergleich zwischen Regionen unterschiedlicher Größe wird das Saldo auf die Durchschnittsbevölkerung bezogen – das ergibt die Nettomigrationsrate:

R(Mi) = (I(t) – E(t)) / P(t) × 100

Daneben ist das Wanderungsvolumen von Bedeutung, also die Gesamtzahl aller Zu- und Abwanderungen unabhängig vom Saldo. Es beschreibt die Intensität der Wanderungsbewegung, unabhängig davon, ob diese per Saldo ausgeglichen ist oder nicht. Aus dem Verhältnis von Wanderungssaldo und Wanderungsvolumen ergibt sich die Wanderungseffizienz – ein Maß dafür, wie stark die Wanderungsbewegungen netto tatsächlich die Bevölkerungsgröße beeinflussen.

Ein konzeptionell wichtiger Begriff ist die Sockelwanderung: Sie bezeichnet jenes Niveau, bei dem Zu- und Abwanderung sich die Waage halten und das Wanderungssaldo folglich null beträgt. Für Planer ist jedoch entscheidend, dass selbst eine ausgeglichene Wanderungsbilanz die Altersstruktur einer Region erheblich verändern kann – nämlich dann, wenn die Altersstruktur der Zuwanderer systematisch von jener der Abwanderer abweicht. In Großstädte wandern typischerweise junge Menschen ein, während etwas ältere Bevölkerungsgruppen eher dazu neigen, in die Randgemeinden zu ziehen.

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Migration in der Praxis: Das Beispiel Schweden

Kaum ein Land illustriert die Wandlungsfähigkeit von Migrationsmustern so eindrücklich wie Schweden. Noch bis Ende der 1920er Jahre war Schweden ein klassisches Auswanderungsland – zwischen 1851 und 1929 betrug das Wanderungssaldo minus 1,1 Millionen Menschen, die überwiegend nach Nordamerika auswanderten. Seit 1930 hat das Land keinen negativen Wanderungssaldo mehr verzeichnet. Seitdem wanderten per Saldo über eine Million Menschen mehr ein als aus.

1/5 ~20 %
Jeder 5. Einwohner Schwedens ist im Ausland geboren

Innerhalb von kaum 50 Jahren entwickelte sich Schweden so zu einer multiethnischen Gesellschaft – mit allen gesellschaftlichen Chancen und planerischen Herausforderungen, die das mit sich bringt. Heute ist jeder fünfte dauerhaft in Schweden lebende Mensch außerhalb des Landes geboren.

Dieses Beispiel macht einen Kerngedanken deutlich, der für jeden Planer zentral sein sollte: Wanderungsmuster sind nicht stabil. Sie reagieren sensibel auf wirtschaftliche Konjunktur, politische Ereignisse und globale Krisen – und können sich innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend umkehren. Wer also kommunale oder regionale Infrastruktur auf der Basis heutiger Migrationstrends plant, ohne deren mögliche Volatilität einzukalkulieren, bewegt sich auf dünnem Eis. Die demografische Analyse der Migration liefert dafür das notwendige Handwerkszeug – nicht um die Zukunft vorherzusagen, sondern um die Bandbreite möglicher Entwicklungen realistisch einzuschätzen.

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Projektion oder Prognose?

Was demografische Vorausberechnungen wirklich leisten

Prognose

Nimmt Stellung

Geht von einer definierten Ausgangslage und einem angenommenen Entwicklungspfad aus und verbindet das Ergebnis mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit.

„Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, wird Folgendes eintreten."

Projektion

Enthält sich jeder Wertung

Schreibt einen Trend unter vollständig definierten Annahmen konsequent fort – ohne Wahrscheinlichkeitsaussage. Kann dabei bewusst zu absurden Ergebnissen führen, um die Grenzen einer Entwicklung zu illustrieren.

In keinem Bereich herrscht so viel öffentliche Verwirrung

Wer plant, kommuniziert oder forscht, sollte diesen grundlegenden Begriffsdualismus beherrschen. Die Methoden der Projektionsrechnung – von der linearen Fortschreibung bis zur Kohorten-Komponenten-Methode – sind auf der Zukunftsblick-Seite interaktiv erlebbar.

Quelle: Sören Padel: Einführung in die Demografie, Berlin, 2023